Familien und ihre Sprache

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Das Thema dieses Eintrags betrifft Familien sowohl in Nord- als auch in Süddeutschland. Es gibt in Deutschland nicht nur sprachliche Unterschiede zwischen Nord, Süd, Ost und West, zwischen Ruhrpott und Rheinland, zwischen Ost- und Nordfriesland, zwischen Franken und Niederbayern, zwischen Baden und Schwaben oder zwischen Dörfern, die gerade mal 30 Kilometer voneinander entfernt liegen.

Nein, auf Mikroebene können sich ebenfalls sprachliche Alleinstellungsmerkmale ergeben. Auch Familien haben ihre eigenen sprachlichen Besonderheiten, über die Außenstehende oder Eingeheiratete nur schmunzeln oder staunen können. Ein persönliches Beispiel gefällig?
Vor einigen Wochen weilte ich mal wieder über die Weihnachtstage in meiner Heimat Hamburg. Nach dem - gar nicht so norddeutschen - Weihnachtsmenü (es ist mir zu verdanken, dass statt Salzkartoffeln mittlerweile Kartoffelknödel auf den Tisch kommen) holte meine Mutter das Vanilleeis aus der Gefriertruhe und verkündete, dass es zur Feier des Tages „Eis mit echter Bourbon-Vanille“ gäbe. Aufgeschrieben sieht diese Ankündigung nicht besonders ungewöhnlich aus. Ausgesprochen sorgt es allerdings bei meiner besseren Hälfte regelmäßig für unbändige Heiterkeit. In meiner Familie wird „Bourbon“ in Zusammenhang mit Vanille nämlich stets so ausgesprochen wie der gleichnamige Bourbon Whiskey. Die Vanille verliert dadurch zwar nicht an Geschmack, allerdings ein bisschen an exotischem Charme. In meiner Familie war das allerdings immer schon so. Große Whiskey-Trinker gab es in unserem Hause nie und so vermute ich mal, dass bei uns einfach nie Bourbon ins Glas kam. Denn dabei hätte sich dieses sprachliche Missverständnis vielleicht aufklären können. Es hat bei mir übrigens auch ein paar Jahre „außer Haus“ gedauert, bis mir klar wurde, dass Bourbon und Bourbon zwei Paar Schuhe sind.

Meine Familie hat noch mehr zu bieten: Sie kennen sicher die Redewendung „gut in der Zeit“ zu sein. Tja, ich kenne diese Redewendung nur als „gut in Zeit“. In der Kürze liegt halt die Würze. Ich habe mittlerweile verstanden, dass die Wendung im restlichen Bundesgebiet anders - man könnte auch sagen richtig - verwendet wird. Aber im Hause Haller entfällt der Artikel „der“ - konsequent und auch das war schon immer so. Auch auf diese sprachliche Kuriosität musste ich von einem Außenstehenden aufmerksam gemacht werden. Ich war fassungslos. Sollten Sie bei Ihrer nächsten Konferenz aus Ihren Kopfhörern mit Blick auf die Tagesordnung den Satz: „Wir liegen gut in Zeit“ hören, sehen Sie es mir bitte nach. Ich habe es so gelernt und die Umgewöhnung fällt mir nach wie vor schwer.

Können Sie mich beruhigen? Gibt es auch in Ihrer Familie sprachliche Eigenschöpfungen, die nur Sie als völlig normal empfinden oder stehe ich doch alleine damit da? Über Zuschriften mit Anekdoten aus Ihrer ganz persönlichen Familiensprache würde ich mich sehr freuen. Vielleicht bieten die Antworten - Ihr Einverständnis vorausgesetzt - sogar genügend Stoff für einen zweiten Beitrag zu diesem Thema.

Bestimmt oder unbestimmt - das ist die Frage!

Abgesehen von den beschriebenen kulinarischen Grenzen gibt es natürlich auch unzählige sprachliche Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland. Auf die Dialektvielfalt allein im Südwesten will ich aber gar nicht näher eingehen. Die für Einheimische sicher deutlich hörbaren Unterschiede zwischen dem Pfälzischen, Badischen und Schwäbischen sind für mich nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln. Ich habe für die südwestlichen Dialekte ohnehin eigentlich nur zwei Kategorien, nämlich Habe ich verstanden und Habe ich nicht verstanden.

Nein, ich möchte mich einem ganz anderen Thema widmen. Eine kleine, aber feine sprachliche Besonderheit, die ich - muss ich gestehen - nach 10 Jahren im Südwesten auch größtenteils in meinen Sprachgebrauch übernommen habe und die mich im Norden sofort als eine identifiziert, die wohl schon zu lange im Süden lebt. Ist es Ihnen vielleicht auch schon aufgefallen? Mitten durch Deutschland gibt es eine sprachliche Grenze. Südlich von ihr ist es üblich, dass Eigennamen ein bestimmter Artikel vorangestellt wird. Auch Sprachjournalist Bastian Sick hat dies natürlich schon bemerkt. In seiner beliebten Zwiebelfisch-Kolumne schreibt er zu dem Thema: „Irgendwo zwischen Nord und Süd verläuft eine unsichtbare Grenze, eine Art Äquator, der die deutsche Sprachlandschaft in zwei Hälften teilt: in eine bestimmte und in eine unbestimmte Vornamenszone. Im nördlichen Teil der Republik ist es nicht üblich, Eigennamen einen Artikel voranzustellen.“ Im Süden hingegen heißt es Ich gehe mal kurz zum Aldi oder Ich würde gerne hören, was die Laura dazu meint oder Der Tobias hat der Karin ihr Spielzeug weggenommen und es dann dem Matthias gegeben. Puh, also in meinen Heimatgefilden würden diese Sätze, insbesondere letzterer, Stirnrunzeln oder Belustigung hervorrufen. Der Norddeutsche kommt nämlich sehr gut damit aus, zu Aldi zu gehen und einfach zu hören, was Laura dazu meint. Und Tobias nimmt dort ganz einfach Karin ihr Spielzeug weg und gibt es Matthias. So einfach, so schön.

Ich habe mir übrigens sagen lassen, dass es im Saarland noch eine interessante Abweichung bei der Artikelverwendung gibt. Für den Saarländer gehört vor einen Frauennamen auch ein Artikel, allerdings kein weiblicher, sondern ein sächlicher. Matthias Stolz verortet diese Besonderheit in seinem Artikel für die Reihe Deutschlandkarte auf Zeit Online übrigens im Pfälzischen und Moselfränkischen. Es scheint also noch verbreiteter zu sein als ich zunächst angenommen hatte. Er schreibt: „Die Dialektsprecher sagen nicht etwa „die Anna“, wie es im Süden des Landes üblich ist, nein, sie sagen „das Anna“, „et Anna“ oder „’s Anna“, benutzen also den sächlichen Artikel.“ Kurios!