Die Sache mit der Uhrzeit

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Vor ein paar Tagen verabschiedete sich Petra Gerster, Sprecherin der ZDF-Nachrichtensendung heute, um ca. 19:20 Uhr mit den Worten. „Christian Sievers erwartet Sie um drei viertel zehn zum heute-journal ...“. Und wie immer, wenn ich eine derart kryptische Uhrzeitangabe höre, war ich verwirrt und fragte mich schweißgebadet: Wann erwartet Herr Sievers mich zum heute-journal? Viertel vor zehn? Viertel nach zehn? Oder zu einer ganz anderen Uhrzeit? Doch nicht etwa schon um viertel nach neun?

Für mich sind und bleiben die Uhrzeitangaben, bei denen die Stunden in Viertel unterteilt werden, schlicht und einfach ein Rätsel. Bevor ich vor mittlerweile fast 10 Jahren in den Südwesten unseres Landes gezogen bin, war mir diese Art, die Uhrzeit auszudrücken, völlig unbekannt. Kulturell interessiert und aufgeschlossen wie ich bin, habe ich mir über die Jahre mehrfach erklären lassen, wie dieses System funktioniert. Viele geduldige Menschen haben sich bemüht, es mir nahe zu bringen: mit Händen und Füßen, mit Torten als Beispiel und auch mal mit einer kleinen Zeichnung. Ich muss aber an dieser Stelle gestehen: Es will nicht in meinem Kopf. Ich kann es mir einfach nicht merken, was viertel drei oder drei viertel sieben bedeuten soll. (Ich habe es nachgeschaut: viertel nach zwei und viertel vor sieben.)

Wunderbar erklärt werden die zwei Uhrzeitsysteme übrigens auf diesem Blog. Hier findet sich auch die Rettung für alle, die Schwierigkeiten mit dem System haben. Es gibt nämlich nicht nur Umrechner für Währungen oder Maßeinheiten, es gibt auch einen für die Uhrzeitangabe. Eine echte Erleichterung! Dieser Konvertierer hat mir dann übrigens auch verraten, dass das besagte heute-journal um 21:45 Uhr gesendet wurde. Oder wie ich Exotin sagen würde: um viertel vor zehn.

Für alle, die gerne noch mehr darüber erfahren würden, wo genau im deutschsprachigen Raum man sich wie verabredet, sei ein Blick in den Atlas zur deutschen Alltagssprache - Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Salzburg und Liège - empfohlen. Dort findet sich sogar eine Karte, die optisch verdeutlicht, was wo gesprochen wird. Grob gesagt: In einem Streifen, der von der Nordsee bis über das Ruhrgebiet reicht sowie in großen Teilen von Hessen und Rheinland-Pfalz ist die viertel vor/viertel nach-Variante verbreitet. Dort überschneiden sich die Sprechgewohnheiten aber auch schon hier und da. Im Osten der Republik, in fast ganz Baden-Württemberg und in großen Teilen Bayerns versteht man sich besser mit dem viertel/drei viertel-System. Kurios ist, dass wohl auch durch Bayern eine „Uhrzeitgrenze“ verläuft. Im fernen Südosten hält man sich wieder an die erste Variante.

Und wie hält man’s so in Ihrem Viertel?

Bestimmt oder unbestimmt - das ist die Frage!

Abgesehen von den beschriebenen kulinarischen Grenzen gibt es natürlich auch unzählige sprachliche Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland. Auf die Dialektvielfalt allein im Südwesten will ich aber gar nicht näher eingehen. Die für Einheimische sicher deutlich hörbaren Unterschiede zwischen dem Pfälzischen, Badischen und Schwäbischen sind für mich nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln. Ich habe für die südwestlichen Dialekte ohnehin eigentlich nur zwei Kategorien, nämlich Habe ich verstanden und Habe ich nicht verstanden.

Nein, ich möchte mich einem ganz anderen Thema widmen. Eine kleine, aber feine sprachliche Besonderheit, die ich - muss ich gestehen - nach 10 Jahren im Südwesten auch größtenteils in meinen Sprachgebrauch übernommen habe und die mich im Norden sofort als eine identifiziert, die wohl schon zu lange im Süden lebt. Ist es Ihnen vielleicht auch schon aufgefallen? Mitten durch Deutschland gibt es eine sprachliche Grenze. Südlich von ihr ist es üblich, dass Eigennamen ein bestimmter Artikel vorangestellt wird. Auch Sprachjournalist Bastian Sick hat dies natürlich schon bemerkt. In seiner beliebten Zwiebelfisch-Kolumne schreibt er zu dem Thema: „Irgendwo zwischen Nord und Süd verläuft eine unsichtbare Grenze, eine Art Äquator, der die deutsche Sprachlandschaft in zwei Hälften teilt: in eine bestimmte und in eine unbestimmte Vornamenszone. Im nördlichen Teil der Republik ist es nicht üblich, Eigennamen einen Artikel voranzustellen.“ Im Süden hingegen heißt es Ich gehe mal kurz zum Aldi oder Ich würde gerne hören, was die Laura dazu meint oder Der Tobias hat der Karin ihr Spielzeug weggenommen und es dann dem Matthias gegeben. Puh, also in meinen Heimatgefilden würden diese Sätze, insbesondere letzterer, Stirnrunzeln oder Belustigung hervorrufen. Der Norddeutsche kommt nämlich sehr gut damit aus, zu Aldi zu gehen und einfach zu hören, was Laura dazu meint. Und Tobias nimmt dort ganz einfach Karin ihr Spielzeug weg und gibt es Matthias. So einfach, so schön.

Ich habe mir übrigens sagen lassen, dass es im Saarland noch eine interessante Abweichung bei der Artikelverwendung gibt. Für den Saarländer gehört vor einen Frauennamen auch ein Artikel, allerdings kein weiblicher, sondern ein sächlicher. Matthias Stolz verortet diese Besonderheit in seinem Artikel für die Reihe Deutschlandkarte auf Zeit Online übrigens im Pfälzischen und Moselfränkischen. Es scheint also noch verbreiteter zu sein als ich zunächst angenommen hatte. Er schreibt: „Die Dialektsprecher sagen nicht etwa „die Anna“, wie es im Süden des Landes üblich ist, nein, sie sagen „das Anna“, „et Anna“ oder „’s Anna“, benutzen also den sächlichen Artikel.“ Kurios!

Leben südlich des Lakritzäquators

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Der Weißwurstäquator ist ja den meisten Menschen ein Begriff, auch wenn seine geografische Lage einigen Schwankungen unterliegt, je nachdem, wen man fragt. Fragt man einen Altbayern, ist der Äquator die Donau, fragt man alle Bayern, scheint es der Main zu sein. Überall jenseits des Mains wird Weißwurst eher misstrauisch beäugt. Zu diesen Menschen gehöre übrigens auch ich. Aber das nur am Rande.

Es gibt allerdings neben dem Weißwurstäquator noch eine weitere Grenze, die Nord- und Süddeutschland trennt und laut Angaben namhafter Lakritzhersteller ebenfalls ungefähr am Main verläuft (auch wenn sie meinem Gefühl nach viel, viel weiter nördlich liegt): der Lakritzäquator. Beim Lakritzhersteller SALMIX® heißt es z. B. auf der Website: „Es gibt große Unterschiede in der Beliebtheitsskala von Lakritz zwischen Nord und Süd. Im Norden an den Küsten und in den Hansestädten sind Lakritze - ob süß oder salzig - ein Ganzjahres-Klassiker, beliebt bei Jung und Alt. Im Süden werden süße Weichlakritze geschätzt, aber die intensiveren Varianten haben es schwer in bayrischen Gefilden.“ Tja, und das nicht nur in Bayern ...

Wenn ich auf dem Weg in den Süden durch den Elbtunnel durchgefahren bin und die Autobahnraststätte Hamburg-Harburg hinter mir gelassen habe, beginnt für mich die Lakritz-Wüste. Es gibt dann einfach kein richtiges Lakritz mehr. Richtiges Lakritz ... das schmeckt ganz einfach nach Strand, Deichen und Meer, ist salzig, rau, herb und enthält ganz viel Salmiak. Zur Klarstellung: Lakritzschnecken sind für mich kein richtiges Lakritz. Nein, südlich der Elbe (und da beginnt für den Hamburger bekanntermaßen bereits Süddeutschland) wird diese Leckerei aus Holland und Skandinavien von vielen Menschen verschmäht. Woran liegt das bloß? Ich weiß es nicht und kann es mir nicht erklären. Ich weiß nur, dass es mir fehlt.

Immer wenn ich in Hamburg bin, fülle ich übrigens meine leeren Lakritzspeicher auf, und zwar in einem der wunderbarsten Läden, den Hamburg zu bieten hat, der Lakritzerie. Überall an den Wänden stehen Gläser, gefüllt mit den leckersten und außergewöhnlichsten Lakritzspezialitäten aus aller Welt: salzig, süß oder würzig, mit Schokoladenüberzug oder kombiniert mit Weingummi, schaumig, weich oder steinhart. Hier geht dem Lakritz-Liebhaber das Herz auf. Mit gefüllten Taschen geht es dann zurück in den Süden, aber allzu lange hält auch dieser Vorrat meist nicht.
Für alle, die jetzt Heißhunger auf das schwarze Gold bekommen haben und in einer ähnlichen Situation stecken, ein kleiner Tipp nebenbei: Die Lakritzerie hat auch einen Online-Shop ...

Über sachdienliche Hinweise, wo und wie man in Karlsruhe und Umgebung an leckeres Lakritz kommt, wäre ich dankbar.